16.03.23 – Gastbeitrag von Jan Belcher, Geschäftsführer der Agenturgruppe Finc3

Ist das myToys-Ende myChance?

Vor ein paar Tagen hat die Otto Group angekündigt, die Tochter myToys zu schließen. E-Commerce-Berater Jan Bechler von der Agenturgruppe Finc3, zeigt auf, was jetzt für Hersteller zu tun ist und welche Chancen die neue Situation für Hersteller und Händler bereithält.

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Jan Bechler ist einer der anerkanntesten E-Commerce-Experten in Deutschland. Als Gründer und Geschäftsführer der Agenturgruppe Finc3 berät er mit mehr als 100 Mitarbeitern Kunden wie Unilever und Bosch zu ihrer Präsenz auf Online-Marktplätzen wie Amazon, Otto und AboutYou, zu digitalem B2B-Marketing sowie zu datengetriebenem Marketing und CRM. © Jan Belcher

 

Wenn einem als Hersteller ein Vertriebskanal abhandenkommt, noch dazu ein wichtiger, ist es nachvollziehbar, sich Sorgen zu machen. Sinnvoller allerdings ist, die Situation als Chance zu begreifen. Die – laut Internet World Business – 20 % Marktanteil könnten schließlich am Ende so verteilt werden, dass mehr davon für das eigene Unternehmen übrigbleibt.

Sauber abwickeln

Starten sollte man nichtsdestotrotz mit der Abwicklung der myToys-Aktivitäten: Erfahrungsgemäß verabschieden sich Kunden schneller als man denkt von schließenden Shops – schon allein aus Angst vor verlorenen Garantie-Ansprüchen. Es macht daher zwar Sinn, auf myToys präsent zu bleiben – aber nicht zu optimistisch, sonst muss der Bestand am Ende im Räumungsverkauf verramscht werden.

Otto … find ich nicht ausreichend!

Viel wichtiger als der geordnete Rückzug bei myToys ist die Frage: Was kommt danach? Auf die vagen Ansagen von Otto, die Marke myToys und Spielwaren stärker auf otto.de zu integrieren, würden wir dabei nicht setzen. Zumal es unwahrscheinlich ist, dass diejenigen, die bislang beim Spielzeug-Spezialisten kaufen, zukünftig zu 100 % beim Gemischtwarenladen Otto suchen werden.

Ja, Amazon muss sein.

Wer dabei noch nicht auf Amazon ist, der sollte das spätestens jetzt ändern. Amazon ist schon heute der größte Online-Spielzeug-Verkäufer in Deutschland und es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Marktanteil mit dem Ende von myToys weiter steigt. Zudem suchen Millionen von Kunden Produkte schon lange zuerst bei Amazon – wer dort nicht gefunden wird, wird auch nicht gekauft. Die Strategie für das Amazon-Geschäft kann dabei sehr unterschiedlich sein. Es gibt viele vor allem kleinere Marken, die als Seller (also Marktplatzhändler) für die eigenen Produkte starten. Etablierte Marken wie Lego sind hingegen eher Vendor. Auch eine Kombination der beiden Modelle kann sinnvoll sein.

Über den Planschbeckenrand schauen

Darüber hinaus zahlt es sich aus, innovativ zu sein. Menschen suchen Spielzeug keineswegs nur bei Google oder in Online-Shops. Sie sind auf Instagram, Pinterest und weiteren Plattformen, um Geschenke für ihre Lieben zu suchen. Setze ich diese Tools sinnvoll ein und nutze Instagram Shopping & Co., kann mich das voranbringen. Zudem ist es ein guter Start in ein eigenes Endkundengeschäft (D2C).

Auch Händler sollten die Gunst der Stunde nutzen!

Die meisten dieser Möglichkeiten gibt es übrigens nicht nur für Marken, sondern auch für Händler. Im „Unternehmer:innen der Zukunft“-Podcast, den ich für Amazon moderieren darf, war kürzlich Spielwarenhändler Christian Krömer zu Gast. Dieser kombiniert einen stationären Handel mit dem Verkauf von Markenspielzeug zum UVP auf Amazon – und ist damit erfolgreich, weil für ihn selbst ein kleines Stück vom Riesenkuchen dort einen gewaltigen Unterschied macht. Es zeigt sich also für Marken wie für Händler: Wenn man es richtig macht, mündet das Ende von myToys unter Umständen in myChance. Ich wünsche dafür alles Gute!