23.06.26 – Gastbeitrag Dr. Martina Stotz
Gewalt unter Geschwistern verstehen und begleiten
Streit unter Geschwistern gilt oft als harmlos, doch körperliche und seelische Gewalt kann tiefe Spuren hinterlassen. Dr. Martina Stotz erläutert in diesem Gastbeitrag, dass hinter aggressivem Verhalten keine böse Absicht steckt, sondern unerfüllte Bedürfnisse und erklärt, wie Eltern Gewalt erkennen, richtig eingreifen und ihre Kinder liebevoll zu einem respektvollen Miteinander begleiten können.
Gewalt unter Geschwistern wird häufig verharmlost oder als normaler Teil des Aufwachsens abgetan. Dabei haben körperliche wie seelische Gewalt weitreichende emotionale und psychische Auswirkungen, vor denen Kinder geschützt werden können. Viele Eltern berichten, dass sie selbst in ihrer Kindheit unter emotionalem oder körperlichem Missbrauch, Manipulation oder Ausgrenzung durch Geschwister litten. Oft fehlte ihnen der Schutz und die liebevolle Begleitung durch Erwachsene – entweder, weil Konflikte machtvoll unterdrückt wurden, weil davon ausgegangen wurde, Kinder müssten Streit unter sich regeln oder weil Eltern aufgrund von Arbeit nicht anwesend sein konnten.
Kinder dürfen für gewaltvolles Verhalten nicht verurteilt werden. Sie handeln nicht in bewusster oder böser Absicht, sondern verfügen noch nicht über die nötige Hirnreife, um mit starken Gefühlen angemessen umzugehen. Gerade deshalb brauchen sie beim Thema Gewalt klare Führung, Schutz und Orientierung. Es liegt in der Verantwortung der Eltern, aufmerksam hinzusehen und eine gewaltfreie Familienkultur zu fördern. Dazu gehört auch, achtsam zu sein für typische Fehler, die Geschwistereltern oft unbewusst machen.
Gewalt in der Geschwisterbeziehung hat viele Gesichter
Gewalt kann sich körperlich zeigen, etwa durch Schlagen, Schubsen, Treten oder Beißen, gleichzeitig auch seelisch – durch Drohen, Beschämen, Beleidigen oder Abwerten des Geschwisterchens. Kinder greifen zu diesen Verhaltensweisen, weil sie in dem Moment noch keine besseren Strategien haben, ihre Gefühle auszudrücken oder für sich zu sorgen.
Gewalt als Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse
Hinter gewaltvollem Verhalten steht keine böse Absicht, sondern der Versuch, gut für sich zu sorgen und nicht zu kurz zu kommen. Gewalt ist der unreife Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse. Dazu gehören unter anderem Verbindung und Zugehörigkeit, Autonomie, Ruhe, Sicherheit, Bindung, Wirksamkeit oder der Wunsch nach einem klaren Platz in der Familie. Häufig wird das Geschwisterkind zum Ventil, weil es verfügbar ist und die Beziehung bestehen bleibt, auch wenn ich es ärgere. Es ist ein ungefährliches Ziel. Gewalt kann auch ein noch unreifer Versuch sein, Nähe und Verbindung herzustellen: Ein Kind schlägt oder schubst sein Geschwisterchen nicht aus Wut, sondern aus überschäumender Energie und dem Wunsch nach Spiel, Kontakt und Dazugehörigkeit.
In anderen Situationen geht es um Autonomie und Selbstwirksamkeit: Fühlen sich Kinder ohnmächtig oder stark unter Druck in der Kita oder Schule, versuchen sie, diese Ohnmacht in der Geschwisterbeziehung auszugleichen, um sich wieder handlungsfähig zu fühlen. Diese Perspektive hilft Eltern, Gewalt weder zu verharmlosen noch zu verurteilen. Sie ermöglicht es, klar einzugreifen, Schutz zu bieten und gleichzeitig das Kind in seiner Not zu sehen – und das möglichst in einer liebevollen und fürsorglichen Haltung. Nur wenn das zugrunde liegende Bedürfnis erkannt und begleitet wird, können Kinder lernen, Konflikte langfristig ohne Gewalt zu lösen.
Was Kinder brauchen, wenn sie gewalttätig werden:
1. Eine liebevolle innere Haltung statt Verurteilung. Bsp: Deine Gefühle dürfen sein, dein Verhalten ist nicht in Ordnung.
2. Promptes Eingreifen durch klare Grenzen. Bsp.: Ich halte deine Hände, wenn du schlägst.
3. Umlenkung durch Handeln und Unterstützung bei der Bedürfnisregulation. Bsp.: Wir gehen an die frische Luft und bewegen uns, wenn du dein Geschwisterchen ärgerst.
4. Das Aufzeigen gewaltfreier Alternativen. Bsp.: Du kannst ins Zimmer gehen und dein Spielzeug mitnehmen, anstatt deinen Bruder zu schubsen.
5. Ab etwa vier bis fünf Jahren: ruhige Gespräche über Werte und Zusammenleben. Bsp.: Wütend sein ist ok. Ich liebe dich mit all deinen Gefühlen. Doch wir lösen Streit ohne Schimpfen, Drohen und Schlagen. Was könntest du beim nächsten Mal tun?
Typische Fehler, die Geschwistereltern unbewusst machen
Die Vorbildwirkung der Eltern wird unterschätzt
Kinder beobachten ihre Eltern sehr genau. Die Art, wie Erwachsene miteinander umgehen und Konflikte lösen, prägt ihr eigenes Verhalten. Gegenseitige Wertschätzung, Respekt und eine konstruktive Streitkultur sind deshalb besonders wichtig. Streit vor Kindern ist erlaubt – hilfreich ist, Gefühle und Bedürfnisse zu benennen, Kompromisse zu finden und Versöhnung sichtbar zu machen.
Kinder werden verglichen oder in feste Rollen gedrängt
Vergleiche und feste Zuschreibungen wie „die Schlaue“ oder „der Kreative“ engen Kinder ein und fördern Konkurrenz. Jedes Kind möchte als eigenständige Persönlichkeit gesehen werden – mit individuellen Stärken, die sich verändern dürfen. Konflikte werden unterdrückt oder sich selbst überlassen. Machtvolle Eingriffe („Jetzt ist Schluss!“) verhindern Lernen, völliges Zurückziehen überfordert Kinder. Eltern sollten präsent bleiben, zuhören und immer dann eingreifen, wenn Kinder sich körperlich oder seelisch verletzen.
Schuldzuweisungen, erzwungene Entschuldigungen und Personalisierung
Wer Schuld verteilt oder Kinder als „böse“ bezeichnet, fördert starre Täter- und Opferrollen. Kinder können Verhalten noch nicht von ihrer Person trennen. Hilfreich ist es, Verhalten klar zu begrenzen, Gefühle anzuerkennen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Der Wunsch nach dauerhafter Harmonie und Parteilichkeit
Manche Eltern erwarten unbewusst, dass Kinder eigene unerfüllte Bedürfnisse nach Harmonie ausgleichen. Auch unbemerkte Parteilichkeit kann Geschwisterkonflikte verschärfen. Es lohnt sich, das eigene Verhalten regelmäßig zu reflektieren und allen Kindern emotional gerecht zu werden. Geschwisterkonflikte sind kein Zeichen elterlichen Versagens, sondern Entwicklungsräume. Wenn Eltern Schutz bieten, Bedürfnisse ernst nehmen und Konflikte begleiten, schaffen sie die Grundlage dafür, dass Kinder Mitgefühl, Selbstregulation und soziale Kompetenz entwickeln – Fähigkeiten, die weit über die Familie hinauswirken.
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Strategien, um Eifersucht, Rivalität und Feindseligkeiten zwischen Geschwistern zu reduzieren.
Handlungsempfehlungen, wie du die Beziehung zwischen deinen Kindern stärkst.
Konkrete Wege und Formulierungshilfen, wie du Streit gerecht schlichtest und künftigen Spannungen vorbeugst. Für Eltern von Geschwisterkindern jeden Alters!




