09.10.26 – Interview mit Alina Grandt
Mutterschaft als Wandel verstehen
Mutterschaft ist kein Kontrollverlust, sondern ein tiefgreifender Identitätswandel. Unser Interview mit Alina Grandt zeigt, warum „Mom Brain“ kein Defizit ist, sondern ein neurobiologischer Umbau, der verstanden und unterstützt werden muss.
Hey Baby: Sie etablieren in ihrem neuen Buch „Mom Brain“ den Begriff „Muttertät“. Was bedeutet dieser Prozess konkret für den Alltag und die Wahrnehmung von Müttern?
Alina Grandt: „Muttertät" ist der Begriff für das, was mit Frauen eigentlich passiert, wenn sie Mutter werden und was wir gesellschaftlich nie benennen: eine tiefgreifende Identitätstransformation. Nicht Rollenübernahme, nicht Funktionserweiterung. Sondern ein Prozess, bei dem das Gehirn, das Nervensystem, das Selbstbild und die Prioritäten sich fundamental umstrukturieren. Im Alltag bedeutet das: Du erkennst dich manchmal selbst nicht mehr. Was früher wichtig war, interessiert dich nicht mehr. Du reagierst auf Dinge, die dich vorher kalt gelassen haben, plötzlich mit ganzer Körperlichkeit. Das ist kein Defizit. Das ist Neuroplastizität in Aktion. Aber weil wir keinen Begriff dafür hatten, haben Mütter das jahrelang als Verlust erlebt statt als Wandel.
Hey Baby: Wie können Frauen verstehen, dass Erschöpfung und Vergesslichkeit Teil des „Mom Brain“ sind und diese Phase positiv begleiten?
Alina Grandt: Indem sie aufhören, beides als persönliches Defizit zu deuten. Vergesslichkeit, Überreizung, emotionale Dünnhäutigkeit – das sind keine Zeichen dafür, dass du nicht gemacht bist für Mutterschaft. Das sind Zeichen dafür, dass dein Gehirn gerade umgebaut wird. Was sich entwickelt, ist ein feineres emotionales Wahrnehmungssystem: Du spürst früher, wenn etwas nicht stimmt, du reagierst schneller auf Bedürfnisse, du hast eine andere Art von Aufmerksamkeit. Das kostet. Und was hilft, ist nicht Optimierung, sondern Benennung. Verstehen, was gerade passiert. Und aufhören, sich am Bild zu messen, das Werbung und Gesellschaft von einer „guten Mutter" entworfen haben: Das Bild einer Frau, die nie erschöpft ist, nie zweifelt, nie Risse zeigt. Dieses Bild trug ich selbst jahrelang in mir. Es hat mich kleiner gemacht. Das Mom Brain dagegen, wenn man es versteht, macht einen größer.
Hey Baby: Welche Veränderungen in Familie, Beruf und Gesellschaft wären aus Ihrer Sicht nötig, um Mutterschaft wirklich zu unterstützen und nicht zu entwerten?
Alina Grandt: Ich nenne im Buch konkret: instrumentalisierte Mutterschaft, mütterliche Vereinzelung, postpartale Krise, Motherhood Penalty – das sind keine poetischen Begriffe, das sind Systemdiagnosen. Was sich ändern muss: Erstens brauchen wir psychosoziale Nachsorge nach der Geburt als Standard, nicht als Glücksfall. Die WHO empfiehlt wochenlange Hebammenbegleitung, in der Realität endet sie nach Tagen. Zweitens muss Care-Arbeit ökonomisch und gesellschaftlich sichtbar werden – nicht durch Dankbarkeitsrhetorik, sondern in konkreten Strukturen. Und drittens: Wir brauchen ein kulturelles Narrativ, das Mutterschaft nicht als Selbstaufgabe begreift, sondern als existenziellen Entwicklungsprozess. Solange das Mom Brain als Schwäche gelesen wird statt als Ressource, solange Mütter in dem Moment unsichtbar werden, in dem sie am verletzlichsten sind, solange fallen sie. Nicht weil sie nicht stark genug sind. Sondern weil kein Netz für sie gespannt wurde.




